NSG Schwarzromantik - Magazin
Das Netz und die Maske
"wer im Netz sich aufhält" trägt eine Maske.
So lautet jedenfalls ein gängiges und an sich auch einleuchtendes Klischee.
... dem einen oder anderen wird diese Überlegung hier vermutlich im groben bereits bekannt vorkommen, da ich sie im Forum vor einer Weile schonmal habe anklingen lassen... es geht um eine Sache, mit der ich mich schon recht langfristig auseinandergesetzt habe und die Schlüsse, die sich daraus für mich ergaben, desöfteren schon änderten... von daher kann es sich bei dieser Überlegung auch nicht mehr als um einen Gedankenanstoß handeln...
... nun besser aber mal in media res gehen, schließlich interessiert normalerweise keinen ein langer Vorspann... der Titel deutet es an, es geht im gröbsten Sinne um ein Verhalten im Netz und um das gängige Klischee, welches man desöfteren als Antwort auf Fragestellungen dieser Art vernehmen kann...: um die berühmte Maske, die sich manche, so der Tenor, zulegen sollen und sich anders (im Sinne von verfälschter) verhalten als sie es sonst im normalen Umgang mit Menschen täten. Ich spreche im weiteren natürlich nicht von den Fällen, in denen jemand das ganz bewußt macht - das ist eine andere Angelegenheit, mit anderen Dynamiken dahinter und anderen Interessen... mir geht's um den unbewußten Teil.
In der gängigen Vorstellung wird diese Maske gerne "virtuelles Leben" tituliert, ähnlich wie im Film "Die Maske" mit Jim Carrey: übersetzt: wer in's Netz geht, setzt sich eine grüne Maske auf und lebt auf einmal Dinge aus, von denen derjenige sonst nicht zu träumen wagte... anders gesagt: nach der Vorstellung wäre das "reale Leben" unmaskiert, das virtuelle ein Spielchen eines selbsterschaffenen Charakters, den man irgendwann vielleicht sogar durchgespielt hat (um sich dann später wieder einen neuen zuzulegen, um das Spiel von vorne beginnen lassen zu können).
Ist das Leben wirklich so einfach?
Verhält sich auch diese Angelegenheit nicht doch etwas komplizierter?
Ein doch recht oft zu beobachtendes Verhalten: jemand fremdes betritt ein Board und stellt sich freundlich vor - für die wenigsten dürfte das eine allzu große Hürde gewesen sein, und was noch schöner ist, meist finden sich auch recht schnell welche ein, die das neue "Gesicht" freundlich begrüssen. Also an sich alles in allem ein begrüssenswertes und erwünschenswertes zwischenmenschliches und soziales Verhalten.
In real? Jemand fremdes betritt eine Kneipe... fremd heißt: kennt keinen... ohje, was macht nun ein Wesen "gesegnet" mit eher schüchterner Natur? Entweder pikiert gucken und sich still und heimlich in eine ruhige und einsame Ecke setzen, um vielleicht denn ein Alibi- und Verlegenheitsbier runterzukippen, um das Spielchen denn möglichst schnell und ohne Ehrverlust beenden zu können... in der Regel kommt in einer solchen Situation nunmal keiner der Stammgäste auf einen zu und heißt einen willkommen.
Was weiter auch nicht verwunderlich ist, könnte man nun sagen, da man sich ja im Gegensatz zu der virtuellen Art sich nicht vorgestellt hatte - wie aber auch, denn das müsste man in einer solchen Situation schließlich gegenüber einer konkreten Person (Gruppe), Auge in Auge.... ein Hindernis, welches sich gerade schüchternen Personen in einem anonymen Raum wie dem Internet nicht begegnen muß... was ist dann schon groß dabei, sich einer grauen Masse gegenüber vorzustellen?... mehr als denn ignoriert zu werden kann einem nicht passieren, und beseitigen lässt sich das "Versehen" denn auch meist recht einfach (per Beitragslöschen)... nichts, was einem also später noch peinlich sein müsste...
... was ist in diesem Beispiel nun die Maske, wäre die Frage?!... Das an sich kontaktfreudige Wesen im Verhalten auszuleben oder das, sich leise wieder zu verkrümeln? Oder in den anderen Worten: was davon ist virtuell und was davon realer?
... zweite Szenerie, um das groteske Bild daran etwas zu verdeutlichen: wildfremde Menschen treffen sich zum täglichen Gesprächskreis, einem geht's etwas schlechter und teilt dies mit... da wird geknuddelt, virtuell in den Arm genommen und getröstet und was noch an Herzlichkeiten ausgetauscht.
Gespielt? Nein, ich glaube, die meisten meinen das in dem Moment ganz ehrlich, wenn sie soetwas schreiben (jedenfalls geben sie dem mehr Bedeutung als dem alltäglichen "wie geht's")...
... nun stelle man sich diesselbe Szene beispielsweise in der Mensa (Kantine, etc.) vor, in der man meist ja auch täglich diesselben Bekannten trifft und kleine Gespräche in der Mittagspause führt. Schonmal erlebt, daß einer dieser denn mal von sich aus erzählt hätte, daß es ihm schlechter geht? Und wenn doch, stelle man sich an der Stelle nun ein wildes Geknuddel, in Arm Genehme und all das, was sich im virtuellen Raum abspielt, vor... wirkt ein wenig grotesk, nicht?... wann nimmt man sich schonmal tröstend in den Arm?... wohl am wenigsten bei solch oberflächlichen Bekanntschaften... zumindest nicht in diesen Breiten mit den doch recht kühlen sozialen Strukturen (es geht auch anders, wie meist die südlicheren Kulturen aufzeigen)...
... was ist Maske, was ist gespielt (überspielt)? Welches Verhalten ist nun virtuell und welches "echter"? Wird ein Wesenszug dadurch weniger real, weil er durch das Einhalten von sozialen Normen im Alltag verdrängt werden muß?
Ist es wirklich immer so einfach zu sagen...: das ist die Realität und das ist das Netz mit seinen seltsamen Verhaltensweisen?!
Ist das "wirkliche" Leben tatsächlich so "wirklich" wie diese unreflektierte Wortverwendung immer hinstellen will? Oder hat es nicht auch einfach etwas mit einem Aufbrechen von eben einschränkenden sozialen Übereinkünften über das erwünschte Verhalten miteinander zu tun, welches auf diesem Wege teils entfällt?
Ich weiß es nicht - ich habe nur meine Zweifel...
verfasst am 12.01.2004 von Oppa Orca
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