NSG Schwarzromantik - Magazin
Cochem, mittelalterliche Stadt an der Mosel
Abschiedsansichten zu meiner derzeitigen Stadt
Als ich vor 2 Jahren das erste mal Cochem besuchte sollte es nur ein kurzer Urlaub von einer Woche werden, woraus jedoch schnell zwei wurden und am Ende sogar ein Zuzug folgte. Selbst jetzt nach 2 Jahren, die ich mittlerweile hier wohne, fühle ich mich noch wie im Urlaub. Man wird dieses Gefühl hier nur sehr schwer los.

Cochem ist eine kleine Stadt von knapp 6000 Einwohnern umgeben von Weinbergen. Direkt durch Cochem fliest die Mosel, deren Promenade von kleinen Cafes und gemütlichen Gaststuben gesäumt wird. Überall kann man kleine enge Gassen entdecken, die zu Orten führen, die scheinbar seit Hunderten von Jahren nicht betreten wurden sind. Wein und Efeu rankt sich über die alten Mauern, in denen man noch Umrisse von ehemaligen Türen und Fenstern erkennen kann, was mich immer besonders fasziniert. Es gibt so viele Dinge, die man erst nach und nach bemerkt. Erst kürzlich entdeckte ich wieder einen alten Spruch an einem Haus.
„Es wünsche mir ein jeder was er will; Gott gebe ihm das selbe noch einmal soviel.”
Gott „begegnet” man hier in der Tat sehr viel. Auf die fast 6000 Einwohner kommen 6 Kirchen und 2 Klöster! Das die Gegend hoch katholisch ist, muss man wohl eigentlich dazu kaum noch erwähnen. Entlang den Wanderwegen sind kleine Kapellen und Heiligenhäuschen aufgestellt, und in der Nacht sieht man ein beleuchtetes Kreuz von einem der Berge.

Über was ich unbedingt berichten will, ist die Reichsburg. Hoch oben auf einem Bergkegel thront sie gerade zu majestätisch. Jedes Jahr zieht sie Tausende von Touristen an. Leider ist sie nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zustand, da französische Besetzer sie 1688 sprengten. Die Burg blieb lange Zeit Ruine, bis sie 1868 der Berliner Kaufmann Louis Ravené erwarb und wiederaufbaute. (Vielleicht kommt hierzu auch noch ein umfangreicher Bericht, weshalb ich diesen so kurz halte.)
Ebenfalls sehr schön ist die Winneburg, etwas abseits gelegener gehört sie dennoch zu Cochem. Leider wurde diese Burg nach Kriegen nicht wieder aufgebaut und so blieb nur eine Ruine erhalten. Die Grundrisse lassen sich kaum noch erahnen, nur noch der Bergfried steht wie damals fest und stolz zwischen den verfallenen Mauern. Der Ort strahlt etwas mystisches und sehr faszinierenden aus und wenn man den anstrengenden Gang den Berg hinauf geschafft hat wird man wahrlich entlohnt von der Ruhe und vergangenen Schönheit.
Doch so schön Cochem auch ist, leben kann man hier doch nicht. Ein Stadtherr sagte einmal: „Man kann hier wunderschön Urlaub machen, essen und sterben.” Leider hat er damit sehr recht. Die Stadt lebt fast ausschließlich vom Tourismus und ist danach auch völlig ausgerichtet. Im Winter schließen die Cafes und der Grossteil der sowieso überteuerten Geschäfte. Gerade Läden an der Moselpromenade räumen sogar ihre komplette Einrichtung in die obersten Etagen der Häuser, da Cochem zwischen November und Februar vom jährlichen Hochwasser heimgesucht wird.
Die Menschen hier sind sehr eigensinnig und stur. Was sie nicht kennen, mögen sie nicht. Die meisten, von den sowieso älteren Einwohnern sind hier geboren und werden hier sterben. Der Rest sind Geschäftsleute von überallher, die sich hier ein Ferienhäuschen gebaut haben und in den kälteren Jahreszeiten wieder um ihr Geld kümmern.
Doch wie man weiß bestehen Ansichten wie Medaillen aus zwei Seiten. Man kann Cochem auch aus einer anderen Sichtweise kennen lernen. Wer sich Mühe gibt entdeckt zum Beispiel im Rathaus das große Gemälde von der „gerechten” Zerpressung eines Schafes. Daneben an der Tür, das Einschussloch des Politikermordes von 1923. Etwas weiter die Promenade hinab erinnert ein Brunnen an den Blutrausch der Fehdengerichte in Cochem, oder man besichtigt das „Blut-Tor” oder lässt sich über die vielen Hexenverbrennungen in dieser Gegend aufklären. Katholisch halt... Nun ja, die Mordgelüste in dieser biederen Stadt sind zwar immer noch vorhanden, doch werden diese heutzutage nur noch hinter dem Rücken (noch gut hörbar) vernehmbar sein.

Ob Blut-Tourismus, oder mittelalterlicher Straßenrundgang, hier ist für jeden was dabei. Man muss es nur entdecken wollen und wird das dementsprechende auch finden. Nur eines wird hier bald wohl nicht mehr zu finden sein: Die von der heimischen Bevölkerung so misstrauisch aufgenommene schwarze Meute.
verfasst am 28.01.2004 von Katja Kemnitz
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