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"Helfen, weil es Spaß macht"

oder: Vom Einzug des Zeitgeistes in vermeintlich moralische Institutionen

Als ich neulich an der hiesigen Zweigstelle der Diakonie entlang schritt, sprangen sie mir geradewegs aus dem im Schaufenster hängenden Plakat ins Gesicht: Ein fescher Bub mit Rastas, Dreads oder was auch immer (da sich Zivis per se aus alternativen, kiffenden Kubaliebhabern rekrutieren) und eine Seniorin, die von unserem Klischee-Zivi breit lächelnd im Arm gehalten wird. Soweit, so gut; auch wenn ich nicht wirklich viel für großflächig organisierte Religionen - und insbesondere für den Protestantismus - übrig habe, bin ich doch ein wenigstens zu grundlegender Toleranz fähiger Mensch und will weiter meines Weges ziehen, als meine Augen des Schriftzuges gewahr werden, der dieses Musterbeispiel der Generationensolidarität umrankt: "Helfen, weil es Spaß macht" schreit es den ahnungslosen Passanten an und reiht sich so ohne viel Aufhebens in die schalen Glücksversprechungen des kurzlebigen Zeitgeistes, der "Fun", "Action" und "Power" als neue Trinität der Konsumgesellschaft verheißt, wenn man sich nur davon überzeugen könnte, wie "cool" oder "hot" der jeweilige Trend doch ist.

L'Oréal - Weil ich es mir wert bin.

Kellog's - Weck' den Tiger in dir!

König Pilsener - Heute ein König.

Diakonie - Helfen, weil es Spaß macht.

Ein wirklicher Unterschied ist nicht festzumachen - weder zwischen dem Slogan der kirchlichen Institution und den vermeintlich ordinären Konsumprodukten, noch in ihrer Gänze, wenn man sich das immer schneller drehende Werbekarussell genauer betrachtet. Die Konturen werden zusehendst unscharf, alles verwischt zu einer formlosen Silhouette und versinkt schließlich in einer einzigen großen Beliebigkeit, die jederzeit austauschbar ist - und dieses Austausches auch bedarf, um unter keinen Umständen Langweile aufkommen zu lassen.

Jetzt wird also geholfen, weil es Spaß macht - und wenn der Lustgewinn nicht groß genug ist, dann eben nicht. So einfach ist das heutzutage. Auch wenn dieser Zusatz nirgends wörtlich auf dem Plakat zu finden war, wird er doch wenigstens impliziert. Mit diesem Slogan enthebt sich die Diakonie - und damit einhergehend, die protestantische Staatskirche - des Thrones der Moral, auf dem sie es sich einige Jahrhunderte gar bequem eingerichtet hatte. Vermutlich stellt sich der Stein meines Anstoßes als ein weiterer hilfloser Versuch, "mit der Zeit" gehen zu wollen, heraus, der genauso verzweifelt erscheint und zum Scheitern verurteilt ist wie die ach so "hippen" Werbespots, mit deren Hilfe schon vor einigen Jahren das Image der protestantischen Kirche aufgemöbelt werden sollte.

Doch dieser Fall wiegt schwerer als lächerliche Werbefilmchen oder betont progressive Veranstaltungen wie Kirchendiscos, da hier Solidarität und gegenseitige Hilfe nicht länger in ein moralisches Gedankenkonstrukt eingebunden oder als ethische Maxime bzw. simple gesellschaftliche Notwendigkeit anerkannt werden, sondern als Konsumprodukt erscheinen, zu dem man sich um des Spaßes willen entscheiden kann oder auch nicht - ganz wie die augenblickliche Lust es diktiert.

Bedenkt man es jedoch genauer, ist in Anbetracht der gesamtgesellschaftlichen Situation solch ein Plakat einer Institution, die sich als moralische Größe begreift, alles andere als schockierend oder überraschend, sondern vielmehr symptomatisch für die Umgebung, in die sich die Staatskirche zu integrieren versucht, statt ihrer Ideale, so streitbar sie auch sein mögen, treu zu bleiben; es ist symptomatisch für eine Gesellschaft, die dem Diktat des Zeitgeists erlegen ist, ohne auch nur eine Anstrengung zu unternehmen, sich ihn vom Leib zu schaffen. In diesem Sinne werden wir nach der Kündigung der protestantischen Kirche als moralische Institution (ganz unabhängig davon, ob sie diesen Titel je verdiente) demnächst wohl ein "Im Namen des Funs, der Action und der Power" von der Kanzel hören; die Religionssubstitute Konsum und blinder Hedonismus haben die Staatskirche vereinnahmt, bzw. Letztere macht sich in der Hoffnung auf einen weiteren röchelnden Atemzug diese zu Eigen - fast schon amüsant, diese Ironie, wenn das Lachen nur nicht ein so bitteres wäre.


verfasst am 02.04.2004 von die Aversion
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