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Der Prophet der Finsternis

„Das ganze Geheimnis des Lebens läuft darauf hinaus, dass es keinerlei Sinn hat; dass jeder von uns aber einen ausfindig macht!”

Anlässlich des 10. Todestages von E.M. Cioran nahm ich mir vor dem vielleicht größten, auf jeden Fall aber radikalsten Denker des 20. Jahrhunderts in diesem Magazin einen Artikel widmen.

Nun ist es schwer, vielleicht sogar unmöglich einer so fesselnden Persönlichkeit in ein paar dürftigen Zeilen gerecht zu werden; Seid also bitte nicht verärgert, wenn es sich hier mehr um eine Leseempfehung als um eine Rezension handelt. Ich versuche nur einen Eindruck von der Faszination wiederzugeben, die mich beim Lesen seiner Werke immer wieder aufs Neue gefangen nimmt.

Wer von Cioran nie etwas gehört hat muss sich nicht wundern. Denn obwohl er im Ausland, vor allem in Frankreich, als einer der bedeutendsten Skeptiker des vergangenen Jahrhunderts gefeiert wird und für seine meist in Aphorismen verfassten Bücher mit Preisen überhäuft wurde, scheint er in Deutschland in den letzten Jahren in Vergessenheit geraten zu sein.

Aber vielleicht bestätigt ja gerade diese Entwicklung eine der Grundaussagen seines Werkes...

Schon die Titel seiner Bücher, von „Auf den Gipfeln der Verzweiflung” über „Vom Nachteil geboren zu sein”, lassen das geistige Richtung erahnen, in die sich der Philosoph bewegt. Im Lexikon wird seine Denkweise oft als radikaler Skeptizismus bezeichnet. Doch was können wir darunter verstehen? Lasst es mich mit seinen eigenen Worten sagen: Alles ist nichtig!

Nach Cioran ist das Leben ein Vorrecht der Mittelmäßigen. Nur diejenigen, die sich in völliger Sicherheit wiegen, die den Tod als etwas von außen ins Leben Eindringendes, nicht als ein dem Leben immanentes Übel betrachten, sind fähig zu existieren. Diese Menschen leben in einem trügerischen Gefühl von Unsterblichkeit. Erst die Gewissheit des Todes im Leben, die Ahnung der Bedeutungslosigkeit der eigenen Existenz macht das Dasein unerträglich.

Am eindringlichsten kommt dies in seiner Umdeutung des biblischen Mythos von der Austreibung aus dem Paradies (zu finden in „Auf den Gipfeln der Verzweiflung”) zu Tage, den er als den tiefsten Mythos bezeichnet, den die Menschheit je erdacht hat. Erkenntnis als Erbsünde. Die Erkenntnis des unaufhaltsam voranschreitenden Nichts im Leben ist die Fatalität, der wir alle unterworfen sind, denn „wahre Erkenntnis ist tiefste Finsternis.”

In einer nie erreichten Schärfe enttarnt er alle religiösen und philosophischen Auseinandersetzungen mit dem menschlichen Dasein als leere Abstraktionen und Selbsttäuschungen. Nichts hat Bestand vor der zerstörerischen Klinge seines Verstandes. „Es ist klar, dass Gott eine Lösung war und dass man niemals eine andere finden wird, die ebenso befriedigend ist.”

Ciorans Werke sind gekennzeichnet durch einen „absoluten” Nihilismus, der im Gegensatz zu Nietzsches Werken, keine lebensbejahenden Elemente aufzeigt, keinen Ausweg aus der allgemeinen Misere anbietet; also quasi auf der Stufe der Erkenntnis stehen bleibt und somit den Leser in seiner Verzweiflung allein zurück lässt.

Mancher wird wohl über die bisweilen etwas unverblümte Selbststilisierung unseres Autors („Die Tatsache, dass ich lebe, beweist, dass die Welt keinen Sinn hat.”) stolpern, doch ist natürlich selbst ein Philosoph nicht immun gegen kleine Eitelkeiten. Sehen wir es als Zeugnis seiner Menschlichkeit. Wahrscheinlich liegt gerade darin die oft beschworene kathartische Wirkung seiner Werke. Indem er das Leben nur in der Abwesenheit jeglicher Luzidität, dem Zustand der Verklärung bzw. der Erkenntnislosigkeit, für möglich hält und die Depression zur einzigen Wahrheit erhoben hat, glorifiziert er all diejenigen, die vom Leben abgefallen, von der Gesellschaft ausgestoßen sind.

Doch Vorsicht: So beeindruckend allein die ästhetische Wirkung seiner Aphorismen ist, man kann sich diesem Philosophen nur begrenzt auf intellektueller Ebene nähern; deutlicher: Wer die Verzweiflung nicht gefühlt hat, wem diese gewisse Tendenz zum Weltschmerz fehlt, sollte die Finger davon lassen.

Die Frage, die im Raum stehen bleibt: Ist ein Leben nach Cioran möglich?


verfasst am 31.12.2004 von Dummy
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